{"id":445,"date":"2020-02-28T16:22:09","date_gmt":"2020-02-28T15:22:09","guid":{"rendered":"https:\/\/sens.diktum.website\/vmi1\/"},"modified":"2020-06-24T14:24:13","modified_gmt":"2020-06-24T12:24:13","slug":"vmi1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sens.diktum.website\/fr\/vmi1\/","title":{"rendered":"Sind Genossenschaften Teil vom Sozialen Unternehmertum?"},"content":{"rendered":"<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Das vielf\u00e4ltige Soziale Unternehmertum (Social Entrepreneurship) kann verschiedene Rechtsformen einnehmen, wie eine AG, GmbH oder die traditionell in der Schweiz stark verankerte Genossenschaft.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Wichtig ist, dass diese Unternehmen mit ihrer Wirtschaftsweise eine positive Wirkung auf die Gesellschaft anstreben. Genossenschaften sind von der Rechtsform her gut geeignet f\u00fcr Soziales Unternehmertum. Sie k\u00f6nnen einen engeren Nutzerkreis (gemeinsame Selbsthilfe der GenossenschafterInnen), einen breiteren Nutzerkreis (gesellschaftliche Mission) oder beides im Fokus haben. Wenn die gesellschaftliche Mission f\u00fcr die Genossenschaft wichtig ist, gibt es eine \u00dcberlappung zum Sozialen Unternehmertum. <\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Es stellt sich also die Frage: Welche und wie viele der Genossenschaften k\u00f6nnen zum Sozialen Unternehmertum gez\u00e4hlt werden?<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Ueli L\u00f6ffel, Doktorand am<strong> <\/strong><a href=\"http:\/\/www.vmi.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Institut f\u00fcr Verbands-, Stiftungs- und Genossenschafts-Management der Universit\u00e4t Freiburg<\/a> hat sich dieser Frage im Rahmen der Studie <a href=\"http:\/\/www.vmi.ch\/content\/upload\/Fachzeitschrift%20VM\/VM%203_19\/vm_19_3_beitrag_gmuer_loeffel_schmid.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Aktuelle Entwicklungen im Genossenschaftsmanagement<\/a>* intensiv gewidmet. Im Interview mit CooperativeSuisse spricht er \u00fcber die Ergebnisse seiner Forschung. <\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\"><strong>CooperativeSuisse: Nach welchen Kriterien aus wissenschaftlicher Literatur und Praxis kann man Soziales Unternehmertum definieren? <\/strong><\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Ueli L\u00f6ffel: Die Landschaft des sozialen Unternehmertums ist sowohl im europ\u00e4ischen Raum als auch in der Schweiz vielf\u00e4ltig. Dementsprechend gibt es auch in der Schweiz keine allgemein verwendete Definition sozialen Unternehmertums. Zudem wird der Begriff in den verschiedenen Landesteilen der Schweiz unterschiedlich verwendet. W\u00e4hrend im franz\u00f6sischsprachigen Teil eher die franz\u00f6sische Tradition und das Konzept der Sozial- und Solidar\u00f6konomie Verbreitung findet, wird der Begriff des sozialen Unternehmertums im deutschsprachigen Teil h\u00e4ufig mit Sozialfirmen assoziiert.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">In der akademischen Literatur werden unterschiedliche Definitionen verwendet, welche die Vielfalt des sozialen Unternehmertums wiederspiegeln. Eine verbreitete Definition ist jedoch diese des europ\u00e4ischen Forschungsnetzwerkes zu sozialem Unternehmertum (EMES). Die Definition wurde dabei von einem interdisziplin\u00e4ren Forschungsteam entwickelt und tr\u00e4gt auch den unterschiedlichen Traditionen sozialen Unternehmertums in den verschieden L\u00e4ndern Rechnung. In unserer Studie haben wir uns an diese EMES-Kriterien gehalten, die \u00f6konomische, soziale bzw. \u00f6kologische sowie Aspekte der Partizipation umfassen. Diese Kriterien decken sich auch gr\u00f6sstenteils mit <a href=\"https:\/\/cooperativesuisse.ch\/sozialesunternehmertum#newsletteropen\">den Prinzipien des Sozialen Unternehmertums von CooperativeSuisse<\/a>. <\/p>\n<p><strong>Welches sind die drei Kriteriengruppen sozialen Unternehmertums in der Studie?<\/strong><\/p>\n<p>Die <em>\u00f6konomischen Kriterien<\/em> erlauben eine Abgrenzung sozialer Unternehmen von anderen Organisationen im NPO-Bereich oder \u00f6ffentlichen Institutionen. Gegeben sein muss eine Marktt\u00e4tigkeit in Form der G\u00fcterproduktion oder Verkauf von Dienstleistungen, eine Mindestanzahl an bezahlten Mitarbeitern (als Abgrenzung zu freiwilliger oder ehrenamtlicher Arbeit) sowie das Eingehen und Verantworten \u00f6konomischer Risiken.  <\/p>\n<p>Die zweite Dimension erfasst die <em>soziale oder \u00f6kologische Ausrichtung<\/em> der Unternehmung bzw. deren Beitrag f\u00fcr die Allgemeinheit und besteht aus einer entsprechenden Mission und einer limitierten Gewinnaussch\u00fcttung. <\/p>\n<p>Die dritte Dimension umfasst die <em>partizipative Gouvernanz<\/em> der Unternehmung und besteht aus einem hohen Partizipationsgrad der betroffenen Gruppen (Stakeholder), welcher zudem nicht abh\u00e4ngig vom Kapitalbesitz sein darf. Das Unternehmen sollte zudem autonom in der Entscheidungs- und Handlungskompetenz sein und damit nicht direkt oder indirekt von einer \u00f6ffentlich-rechtlichen oder anderen Institution gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\"><strong>Auf welcher Datenbasis beruht Ihre Studie?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Bei der gemeinsam mit CooperativeSuisse durchgef\u00fchrten Studie wurden alle ca. 8\u2019000 Genossenschaften der Schweiz kontaktiert. Innerhalb einer ersten Erhebung im Fr\u00fchjahr 2019 wurden die Genossenschaften dazu eingeladen, einen Fragebogen brieflich oder online auszuf\u00fcllen. Bei einzelnen Gruppen wurde im Herbst 2019 eine Nacherhebung per Mail durchgef\u00fchrt. <\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Die vorliegende Analyse zum sozialen Unternehmertum basiert auf diesem Datensatz (inkl. Nacherhebung) mit insgesamt 879 Genossenschaften, was einer R\u00fccklaufquote von 11% entspricht. Die verschiedenen Branchen werden bez\u00fcglich R\u00fccklauf ziemlich gut abgebildet, einzig die Finanzdienstleister und Infrastrukturgenossenschaften sind \u00fcbervertreten. Auch die Sprachregionen sind ungef\u00e4hr gleich h\u00e4ufig vertreten.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\"><strong>Wie w\u00fcrden Sie die Haupterkenntnisse aus Ihrer Studie zusammenfassen? <\/strong><\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Gem\u00e4ss unserer Analyse erf\u00fcllen jeweils rund die H\u00e4lfte der Genossenschaften in der Stichprobe eines der Kriterien sozialen Unternehmertums. Dies bedeutet, dass sich jeweils die H\u00e4lfte der Genossenschaften \u00fcber Marktleistungen finanziert und bezahlte Mitarbeitende hat, die soziale oder \u00f6kologische Mission ein signifikantes Ziel ist oder Stakeholder bei wichtigen Entscheiden auch ausserhalb der Generalversammlung mit einbezogen werden.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Die Auspr\u00e4gung der einzelnen Kriterien ist, nicht \u00fcberraschend, auch abh\u00e4ngig vom Genossenschaftszweck: w\u00e4hrend die wirtschaftlichen Kriterien bei Banken, Konsumgenossenschaften und Dienstleistungsgenossenschaften im Vordergrund stehen, sind die soziale oder \u00f6kologische Mission vor allem bei Wohnbaugenossenschaften, Energiegenossenschaften, im Kulturbereich sowie in der Sozialwirtschaft vorhanden. <\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Eine besonders hohe Mitwirkung der Genossenschafter oder der angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter findet sich vor allem bei Bau- und Produktionsgenossenschaften.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Alle drei Kriterien zusammen erf\u00fcllen jedoch nur 94 Genossenschaften oder jede 9. Genossenschaft in der Stichprobe. Nur diese entsprechen damit einer engen Definition des sozialen Unternehmertums.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\"><strong>Was ist der Hauptgrund, warum nur ein kleiner Teil der Genossenschaften im engeren Sinne als Teil vom Sozialen Unternehmertum angesehen werden kann? <\/strong><\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Es k\u00f6nnen verschiedene Gr\u00fcnde angef\u00fchrt werden, die eng mit dem genossenschaftlichen Zweck verbunden sind. <\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Ein Teil der Genossenschaften erf\u00fcllt das wirtschaftliche Kriterium nicht, da keine Mitarbeitende besch\u00e4ftigt werden oder in gemeinsamer Selbsthilfe bspw. Wohnraum oder Infrastruktur angeboten wird, ohne dass diese \u00fcber Marktleistungen finanziert werden.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Zudem steht bei Genossenschaften traditionell nicht die Erf\u00fcllung einer gesellschaftlichen oder \u00f6kologischen Mission f\u00fcr die Allgemeinheit im Vordergrund, sondern die Interessen der Genossenschafter selbst, obwohl sich diese durchaus mit der Erf\u00fcllung eines allgemeinen sozialen oder \u00f6kologischen Zwecks \u00fcberschneiden k\u00f6nnen. Beispielhaft k\u00f6nnen Wohnbaugenossenschaften genannt werden, die prim\u00e4r einen direkten Nutzen f\u00fcr ihre Mitglieder stiften, aber indirekt auch durch eine \u00f6kologische Bauweise, soziale Integration oder die Organisation kultureller Veranstaltungen \u00fcber dem Kreis der Genossenschafterinnen und Genossenschafter hinauswirken. <\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Die Abgrenzung zwischen sozialen oder \u00f6kologischen Zielen f\u00fcr die Allgemeinheit und Selbsthilfe scheint insgesamt bei Genossenschaften nicht sehr trennscharf zu sein und verschwindet immer mehr, je offener der Nutzerkreis der genossenschaftlichen Leistungen ist.<\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\"><strong>Was sind die Schwierigkeiten der Interpretation der Resultate, oder anders gefragt: wo gibt es Vorbehalte?&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/strong><\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Ein Grossteil der Genossenschaften erf\u00fcllt zwar einzelne Kriterien sozialen Unternehmertums, aber nur wenige alle drei Kriterien zusammen. Daraus abzuleiten, dass nur wenige Genossenschaften zum sozialen Unternehmertum gez\u00e4hlt werden k\u00f6nnen scheint mir eine verk\u00fcrzte Betrachtung. Vielmehr scheint es, dass eine zu rigide Anwendung des Analyserahmens den Genossenschaften nicht unbedingt gerecht wird. Zudem stellt sich bez\u00fcglich des Kriteriums der sozialen oder \u00f6kologischen Mission die Frage, inwieweit zwischen Zielen der Genossenschafter und sozialen und \u00f6kologischen Zielen f\u00fcr die Allgemeinheit unterschieden werden kann. <\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">Bei der Analyse ist weiter zu beachten, dass dieses Resultat und insbesondere die Kriterien der sozialen\/\u00f6kologischen Ausrichtung sowie der partizipativen Gouvernanz auf einer subjektiven Einsch\u00e4tzung beruhen. <\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\"><em>Ueli L\u00f6ffel ist Doktorand am VMI und forscht zum Thema Genossenschaften. Zuvor war er Hochschulpraktikant sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Direktion f\u00fcr Wirtschaftspolitik beim Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft. Er studierte Volkswirtschaft und \u00d6ffentliches Recht und Philosophie an der Universit\u00e4t Bern. <\/em><\/p>\n<p class=\"\" style=\"white-space:pre-wrap;\">*Die weiteren Befunde der Studie werden in einer Artikelserie auf dem CooperativeSuisse-Blog in den kommenden Wochen ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das vielf\u00e4ltige Soziale Unternehmertum (Social Entrepreneurship) kann verschiedene Rechtsformen einnehmen, wie eine AG, GmbH oder die traditionell in der Schweiz stark verankerte Genossenschaft. 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